Spannend ist dabei, dass die Kerngruppe dieser Urlaube im Alltag gar kein enger Freundeskreis ist. Manche kennen einander gut, andere eher lose. Einige Miturlauber:innen sehe ich tatsächlich nur einmal im Jahr – im Gruppenurlaub eben. Und dennoch funktioniert diese Gruppe in diesem konkreten Setting als Gemeinschaft erstaunlich gut. Das zeigt nicht nur der Vergleich mit den eher aufreibenden Versuchen, das gleiche Urlaubsformat auch mit Freund:innen durchzuführen, die meiner Frau und mir im Alltag wohl erheblich näher stehen; zu viele unterschiedliche Bedürfnisse und Erwartungen an Urlaubszeit prallten hier aufeinander. Das zeigte sich für mich aber auch heuer, als es gleich am ersten gemeinsamen Abend des Gruppenurlaubs plötzlich zu einem emotional aufwühlenden Streitgespräch mit einem unserer langjährigen, bewährten Reisegenossen kam.
Freilich nicht völlig unerwartet: Wir anderen wussten, dass die Corona-Krise, insbesondere umstrittene Maßnahmen wie der „Lockdown für Ungeimpfte“ oder die vorübergehend beschlossene Impfpflicht, das Vertrauen unseres Freundes in den österreichischen Rechtstaat, in die Politik und auch in die Gesellschaft grundlegend erschüttert und eine massive Skepsis gegenüber etablierten Medien hervorgerufen hatten. Wir wussten auch, dass er sich zunehmend Informationsquellen und Deutungen zugewandt hatte, die den unseren fundamental widersprachen. Was uns jedoch überraschte, waren die Wucht, mit der an diesem Abend unsere Überzeugungen aufeinanderprallten, und die dann doch so vielen Punkte, an denen wir uns völlig uneins waren. Was nun? Den gegenseitigen Vorwurf völliger Verblendung oder des Ge-brainwashed-Seins einfach ad acta legen und tun, als wäre nichts geschehen? Den Streit einfach ausblenden oder zumindest vertagen?
Am darauffolgenden Tag entschieden wir uns tatsächlich, die ideologischen, gesellschaftspolitischen Konfliktthemen zumindest für die Zeit des Urlaubs hintan zu stellen und das Verbindende, das in dieser Kernzeit des Jahres Gemeinschaftsstiftende, in den Vordergrund zu stellen. Freilich blieben die erste Wiederannäherung und auch vereinzelte andere Momente des Urlaubs eher holprig und die Beziehung etwas abgekühlt. In den vielen Momenten, in denen aber dennoch gemeinsam gelacht, genossen, sich ausgetauscht wurde, wurde für mich jedoch deutlich, dass Gemeinschaft zumindest zeitweise Brücken schlagen kann, selbst dort, wo politische Verständigung kaum mehr gelingt.
Auf eine Metaebene gehoben: Freilich denke ich nicht, dass „Gemeinschaft“ das Konzept einer funktionierenden Gesellschaft in irgendeiner Weise ersetzen kann. Zum einen dürfen Meinungsverschiedenheiten in einer demokratischen Gesellschaft nicht langfristig totgeschwiegen werden. Auch wenn es manchmal wohl den bewussten Entschluss braucht, sie vorübergehend ruhen zu lassen, damit Beziehung überhaupt bestehen bleiben kann, müssen sie diskutiert werden – ehrlich, wertschätzend, aber auch mit klaren roten Linien. Zum anderen birgt gerade der Gemeinschaftsgedanke, das Gemeinschaftsgefühl, große Risiken und Gefahren, wie nicht zuletzt das nationalsozialistische Konzept der „Volksgemeinschaft“ auf dramatische Weise zeigt. Und dennoch glaube ich fest, dass punktuelle Momente des Erlebens von Gemeinschaft, in der gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Unterschiede hintangestellt sind, eine Gesellschaft in ihrer gewachsenen Zerrissenheit stabil halten können. Solche Momente gemeinschaftlichen Erlebens sollten wir uns als Gesellschaft häufiger ermöglichen.
Der heurige Sommergruppenurlaub also: ein Highlight! Und eine Lernerfahrung: Gesellschaftlicher Zusammenhalt beginnt nicht dort, wo wir einer Meinung sind, sondern dort, wo wir trotz grundlegender Differenzen noch bereit sind, eine Woche gemeinsam zu kochen, zu wandern, zu lachen und am selben Tisch zu sitzen.
