Ein junges Paar gründet trotz prekärem Aufenthaltstitel eine Lavash-Bäckerei in Wien und schafft es bereits nach wenigen Jahren, die Brote international zu vertreiben. Der Aufenthaltstitel lautet Vertriebenenstatus Ukraine. Dieser wird bis dato jeweils mit dem Jahrestag des russischen Einmarschs um ein Jahr verlängert.
Aufgrund ihres Visums ist das Paar einen prekären Untermietvertrag eingegangen und zahlt dabei mehr als das Doppelte der Hauptmiete für die 80m² Souterrain in einem Altbau in Ottakring. Der Hauptmieter stellt dem Paar die Rute ins Fenster, da er selbst gekündigt wurde. Das Lokal steht aufgrund einer Insolvenz zum Verkauf. Das Paar möchte das Geschäftslokal kaufen und geht mit den überzeugenden Bilanzen zur Bank. Die Bankmitarbeiter:innen erklären, dass aufgrund des Aufenthaltstitels keine Kreditvergabe möglich ist. Die Masseverwaltung bestätigt die Kündigung. Das Paar muss sich erneut um einen prekären Mietvertrag umsehen und dabei die Investitionen für das Geschäftslokal erneuern. Happy End nicht in Sicht.
Ein junger Mann entschließt sich mit einem Studierendenvisum nach Österreich zu kommen. Mit dem Deutschlernen geht es im Vorbereitungskurs nicht so voran wie geplant. Und na gut, er hatte auch nicht wirklich vor, hier ein weiteres Studium zu absolvieren. Als Student ist es möglich, eine Arbeitserlaubnis in Österreich zu bekommen. Der junge Mann fängt sofort neben den Deutschkursen in einem Restaurant zu arbeiten an. In den kommenden Jahren wird das AMS schließlich einen "Befreiungsschein" ausstellen. Dieser ist einer Beschäftigungsbewilligung auf Vollzeit und fünf Jahre gleichzusetzen.
Wer nicht mitzieht ist die Aufenthaltsbehörde. Der Mann arbeitet in Österreich, hat einen festen Wohnsitz, eine Sozialversicherungskarte – aber keine gültige Aufenthaltskarte. Er kann de facto nicht ausreisen, da die Behörden an der Grenze den grünen Lappen des AMS nicht als gültiges Visum (aner)kennen. Er bewegt sich auch innerhalb der Landesgrenzen unsicher – hat immer Angst davor, sich vor den Behörden ausweisen zu müssen, etwas Falsches zu tun, aufzufallen.
Nach 10 Jahren hält er endlich seine Daueraufenthaltskarte in der Hand. Der Mann – mittlerweile nicht mehr ganz so jung – ist gelöst, er kann sichtlich nach so langer Zeit frei atmen. Ich erkenne ihn kaum wieder. Nach Jahren wird er erstmalig die Herkunftsfamilie in seinem Heimatland besuchen und eine eigene Familienplanung rückt plötzlich ebenfalls in den Bereich des Möglichen.
Unzählige Menschen mit prekären Aufenthaltstiteln schlafen schlecht. Sie wachen auf in der Nacht. Sie haben tagsüber Sorge: Wie geht es weiter? Mit mir und meiner Familie? Dennoch gründen sie in die Unsicherheit hinein Geschäfte – oft mit Geldern von der Familie im Ausland. Sie lernen Deutsch bereits im Heimatland, um nach Ankunft in Österreich sofort in dem ausgeschriebenen Mangelberuf Fuß fassen zu können. Die Betroffenen halten sich an alle Regeln, um nicht aufzufallen. Weder die obigen Protagonist:innen noch irgendein "illegale:r Migrant:in" fallen dem Sozialsytem zur Last - sie haben einfach keinen Anspruch.
Ich frage mich, wie viel mehr an „Leistung “ von Menschen, die bewusst Österreich als ihr Heimatland wählen, möglich wäre, wenn sie nur gut schlafen könnten? Österreich, probier es aus!

